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Digitaler Unterricht während der Corona-Pandemie

Porträts + Interviews

Das Coronavirus verändert unseren Alltag: Treffen mit Freunden, Konzerte und Sportveranstaltungen sind vorerst tabu. Geschäfte, Restaurants und Bars haben geschlossen und auch die Schulen sind „dicht“. Unterricht findet aber trotzdem statt. Wie der an den Ludwig Fresenius Schulen aussieht, erzählt uns Jette Fischer im Interview.

Jette, du bist Physiotherapie-Schulleiterin an den Ludwig Fresenius Schulen in Koblenz. Wie an allen anderen Schulen auch, findet hier derzeit wegen der Einschränkungen durch Corona vorübergehend kein Präsenzunterricht statt. Musst du trotzdem in die Schule?

Ja, denn der reguläre Schulbetrieb läuft weiter. Ich bin jeden Tag im Wechsel mit meiner Stellvertreterin in der Schule. Hier führe ich telefonisch Bewerbungsgespräche für die Physiotherapie-Ausbildung im neuen Schuljahr, bereite das Staatsexamen vor, entwickle das Ausbildungskonzept weiter und mache kleine Methodenworkshops für mein Team, da vermehrt handlungsorientierter Unterricht im Vordergrund steht. Natürlich plane ich auch den Unterricht, der jetzt online stattfindet. Dabei ist es schon sehr zeitaufwendig, die Inhalte für die digitale Lehre didaktisch und methodisch sinnvoll aufzubereiten und umzustrukturieren.

Erzähl mal, wie sieht der Online-Unterricht während der Corona-Krise aus?

Die Schüler haben einen digitalen Stundenplan, in dem Uhrzeiten, Stundenumfänge und Inhalte aufgeführt sind. Der Lehrer, der die Stunde hält, entscheidet, in welcher Form der Unterrichtsstoff vermittelt wird. Es werden Materialien wie Vorlesungen, Texte, Aufgaben oder Tests über unsere Lernplattform „Ilias“ hochgeladen. Manchmal ist eine Therapie zu erstellen, manchmal ein Video zu schauen, Fotos von Lernkarten zu schicken oder ein Fragentool zu bearbeiten.

Sollten Störungen auftreten, sind wir Lehrer per E-Mail erreichbar. Ansonsten sind feste Zeiten im Stundenplan verankert, in denen Schüler und Lehrer per Chat bzw. Videotelefonie in direktem Kontakt stehen. Da werden dann Aufgaben nachbesprochen, gemeinsame Whiteboard-Bilder erstellt oder eine Vorlesung gehalten und direkt besprochen. Wir Lehrer sind regelmäßig im Austausch darüber, wie verschiedene Sequenzen funktioniert haben, was gut und was weniger gut angenommen wurde. So können wir die Unterrichtsgestaltung stetig verbessern.

Die Klassenräume sind leer: Während der Kontaktbeschränkungen aufgrund des Coronavirus lernen die Schüler online zuhause.

Werden jetzt nur noch Dinge wiederholt oder wie werden die Unterrichtsinhalte an das E-Learning angepasst?

Es findet ein kleiner Teil an Wiederholungen statt, aber die digitale Beschulung ist reguläre Unterrichtszeit. Der Lehrplan läuft im vorgesehenen Tempo weiter. Im normalen Schulalltag wechseln theoretische und praktische Inhalte. Das ist natürlich so jetzt nicht möglich. Aber Homeschooling heißt nicht, die ganze Zeit vor dem Rechner zu sitzen. Wir ermutigen unsere Schüler, alle Kanäle des Lernens zu nutzen z.B. sollen sie Muskeln an ihr Skelett kleben, Knochenpunkte auf die Haut zeichnen oder einen Behandlungszeitstrahl aus Papier basteln und sich an die Wand hängen. Das erfordert Kreativität auf beiden Seiten.

Unterricht lebt von der Interaktion und mein Unterricht ist im Schulalltag sehr handlungsorientiert. Ich muss mich und meine Inhalte schon sehr umstellen und anpassen. Ich sehe die derzeitige Situation zwar als große Herausforderung, aber auch als Chance an.

Die Ausbildungen haben grundsätzlich auch einen hohen Praxisanteil. Wie funktioniert der praktische Unterricht jetzt?

Praktisch können die Schüler an ihren Verwandten, die mit ihnen im Haushalt leben, üben. Wegen der derzeitigen Kontaktbeschränkungen durch die Regierung ist anderweitige Praxis schwierig durchzuführen. Die Ausbildung in den Praktikumseinrichtungen, also Krankenhäusern und Rehazentren, findet aber weiterhin unter allen Schutzmaßnahmen statt.

Wie ist das Feedback seitens der Schüler zum E-Unterricht?

Den Schülern ist es sehr wichtig, auch online in direktem Kontakt zu sein. So ist es fast wie in der Schule, nur dass jeder zu Hause sitzt. Trotzdem vermissen viele den echten Kontakt zu ihren Mitschülern und Lehrern. Außerdem braucht es ein hohes Maß an Disziplin, um allen Ablenkungen zu widerstehen.

Die Schüler schätzen aber auch unsere Arbeit und intensive Betreuung sehr und finden, dass das konzentrierte Auseinandersetzen mit den Lerninhalten zu Hause nicht nachteilig ist. So berichtete ein Schüler, er merke‚ dass seine Ausarbeitungen im Laufe der Zeit immer besser werden. Als weiteren Vorteil des E-Learnings sehen die Schüler ein gewisses Maß an zeitlicher Flexibilität, um die Lernaufgaben zu erledigen.

Anatomieunterricht aus der Ferne: Jette Fischer unterrichtet ihre Physiotherapieschüler per Online-Videokonferenz.

Was findest du am digitalen Unterricht gut?

Ich glaube, er stärkt die persönliche Kompetenz der Schüler, denn sie müssen eigenverantwortlich lernen und handeln. Sie werden auch sehr gut auf ein Studium vorbereitet, in dem Inhalte ausschließlich oder überwiegend digital vermittelt werden. Ich finde gut, dass wir uns einig sind, dass Lehrer, die den Unterricht gestalten, nicht leicht zu ersetzen sind. Unsere Arbeit wird mehr wertgeschätzt. Andererseits zeigt sich jetzt auch, wo Lücken im digitalen Versorgungsnetz sind, wo Infrastruktur oder Schulungen fehlen. Das sehe ich als Chance für die Zukunft, um den Bildungsbereich weiter zu modernisieren.

Was fehlt dir am meisten?

Ganz klar meine Kollegen und meine Schüler. Das Lachen, das Nachfragen, die Diskussionen, Gruppenarbeiten, Sportunterricht. Ich liebe meinen Job, weil unsere Schüler ihn großartig werden lassen. Ich lerne viel von ihnen. Wir Kollegen haben einen sehr guten Zusammenhalt und der direkte Austausch, ein „teaching together“, das fehlt mir sehr!

Was ist deiner Meinung nach die größte Herausforderung beim digitalen Unterricht?

Der Aufwand für die Lehrer muss sich in Grenzen halten. Derzeit machen wir viele Überstunden, um der Datenflut Herr zu werden. Die Sinnstiftung und Motivation der Schüler müssen aufrechterhalten werden. Die Lerninhalte dürfen keine Zeitfüller sein, sondern es muss transparent und klar sein was, wofür und wie gelernt wird. UND die Schüler sollten nicht allein gelassen werden. Wir müssen als Lehrkräfte greifbar und „da“ sein.

Solange der Unterricht noch nicht wieder in der Schule stattfinden kann, werde ich mich weiterhin so oft es geht mit Schülern über Online-Videokonferenzen und Chats austauschen. Ich denke, der persönliche Kontakt ist für den Bildungsbereich von essentieller Wichtigkeit.

Danke für das Interview, Jette!

Weitere Einblicke in den Unterrichtsalltag an den Ludwig Fresenius Schulen während der Corona-Pandemie vermittelt dieser spannende Beitrag von apotheke adhoc

Kristina Irion

Kristina Irion

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