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Ein Tag im Rollstuhl

Hamburg

Bente Zimmer ist Ergotherapie-Schülerin in Hamburg und berichtet von ihren Erlebnissen als Rollstuhlfahrerin und Begleiterin:

 

Selbstexperimente und Erfahrungen sind in unserem Unterricht häufig involviert. Doch was mich an diesem Tag erwartete und wie mich dieser forderte, war mir morgens noch nicht bewusst und beanspruchte meine Gedanken noch einige Tage länger, als die Exkursion war.

Nach einer kleinen Einweisung in die Rollstühle und die Bedienung dieser, ging es gegen 8.30 Uhr los. Ich umhüllte mich mit einer Wolldecke und setzte mich in den Rollstuhl. Julia fing an mich zu schieben, sodass wir uns zusammen mit Annalena und Kristin auf das neue Erleben des Stadtlebens machten. Doch bereits vor der Tür stießen wir auf die ersten Hindernisse. Der Bürgersteig war sehr schräg und zum Teil fehlten Pflastersteine, was das Schieben für unsere Begleiter erschwerte. Wir lenkten unsere Aufmerksamkeit ungeteilt auf den Weg, damit wir unversehrt an unserem Ziel – dem Altonaer Bahnhof ankommen würden.

Der Weg ging durch kleine Nebenstraßen in Altona, wo viele kleine Boutiquen waren, die ich nun aus einer anderen Perspektive erlebte. Zum Teil war ich, aufgrund meiner Sitzposition, nicht in der Lage in die Schaufenster zu schauen, was mich sehr enttäuschte.

Nach kurzer Zeit bekam ich etwas Hunger und wir kamen an einem Bäcker vorbei. Nur leider hatte dieser drei Stufen vor seiner Eingangstür, was mir den Eintritt in den Laden verwehrte, weil ich meine Begleitung nicht auch noch beim Schieben, um etwas Bitten wollte. Auf dem weiteren Weg zu unserem Ziel kamen wir zweimal zu einer Ampel. Da der Bordstein nicht abgesenkt war, was es für uns unmöglich die Straße zu überqueren. Es blieb uns nur einen Umweg zu nehmen.

Ein weiteres Phänomen waren die Blicke, die ich als Rollstuhlfahrer von den anderen Bürgern erhielt. Nach einiger Zeit ließ sich ein Unterschied zwischen verschiedenen Generationen feststellen. Bei der älteren Generation schien es mir häufig, dass sie mich von oben herab angeschaut haben und mir vermitteln wollten, dass es noch andere schlimme Sachen im Leben gibt und es mich auch hätte schlimmer treffen können. Die jüngere Generation schien mir häufig mitleidend zu sein und sich zu überlegen, was ich alles nicht kann, was sie jedoch ohne Hindernisse können.

Am Bahnhof angekommen, stießen wir auf eine neue Herausforderung: Wie kommen wir nun zum Gleis? Wo ist der Fahrstuhl? Schließlich konnten wir nirgendwo Hinweisschilder finden. Nach einiger Zeit fanden wir den Fahrstuhl zu unserem Gleis. Unten angekommen, hatten wir Schwierigkeiten in die S-Bahn einzusteigen, da der Bahnführer keine Rampe zum Einfahren zur Verfügung stellte und wir auch sonst keine Hilfe angeboten bekamen. Der Bereich, der eigentlich für die Rollstuhlfahrer gedacht ist, war von anderen Mitbürgern besetzt, die ihren Platz nicht aufgeben wollten. Somit blieb uns nur, den Platz vor der Tür zu nehmen. Dieses hatte jedoch auch den Nachteil, dass unsere Begleitungen uns jeweils vor jedem Halt vor und zurück schieben mussten, damit alle anderen auch weiterhin ein- und aussteigen konnten.

Am Hamburger Hauptbahnhof stellten wir fest, dass der Abstand zwischen der S-Bahn und dem Bahnsteig sehr weit auseinander lag, was unseren Begleitern das Herausschieben von uns Rollstuhlfahrern erschwerte. Annalena und Kristin begannen und schon war es geschehen: Der Rollstuhl hing mitsamt Insassen in dem Spalt. Glücklicherweise kamen sofort zwei Männer, die uns heraus halfen.

Dann ging es zur Europapassage, wo wir die Rollstuhlinsassen wechselten. Mein Körper, besonders meine Hände und Füße waren trotz Wolldecke wahnsinnig kalt.

Nun saß Julia im Rollstuhl und ich war ihre Begleiterin. Ich achtete noch mehr auf die Weggegebenheiten, da ich keinesfalls wollte, dass ihr etwas zustößt. Auch die Blicke der Anderen nahm ich noch stärker war.

Meine Rollstuhlinsassin wollte zur Bank, um Geld abzuheben. Hier befand sich kein automatischer Türöffner, aber ein Mann half uns. Am Geldautomaten mussten wir erst ausprobieren, wie Julia am besten an die Tasten herankommt und den Bildschirm sehen kann. Letztendlich habe ich sie seitwärts an den Automaten heran geschoben.

Zuletzt machten wir uns auf den Weg zurück zum Sanitätshaus. Dabei kam uns ein älterer Herr entgegen, der die beiden Rollstuhlfahrer und auch uns Begleiter sehr stark musterte. Als wir ungefähr auf gleicher Höhe waren, blieb er stehen, öffnete seinen Mund leicht und schaute uns längere Zeit nach. Dabei fühlte ich mich sehr unwohl und es stellte für mich das schlimmste Erlebnis dieses Tages dar.

Der Tag war sowohl als Rollstuhlinsasse als auch als Begleiter sehr anstrengend und mit vielen Überlegungen und Problemlösungen verbunden. Da Hamburg eine Millionenstadt ist, bin ich davon ausgegangen, dass die öffentlichen Verkehrsmittel, sowie die Innenstadt barrierefrei umgebaut sind. Dem ist jedoch nicht so. Zudem stellen die Blicke der anderen Mitmenschen eine weitere Hürde dar. Nach der Abgabe der Rollstühle kam Erleichterung auf, da ich nun nicht mehr so intensiv auf mich und auf Julia aufpassen musste und wir auf der Straße nicht mehr angestarrt wurden.

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